Glücksmoment 18.02.2016

Heute Abend habe ich mir mal wieder einen gemütlichen Couch-Abend gegönnt und hatte dabei auch Zeit, das Internet nach schönen Texten zu durchforsten. Dabei bin ich auch auf den folgenden gestoßen. Nun muss ich dazu sagen, dass ich kein riesiger Berlin-Fan bin und den Hype zuweilen auch ein bisschen überzogen finde. Und dennoch ist Zoe Hagen mit ihrem Text gelungen, etwas in mir zu berühren – vielleicht, weil es um Berlin nur an der Oberfläche geht. Also, los geht es, mit dieser Ode an das Leben:

In Berlin leben knapp 3,5 Millionen Menschen.
Das ist mehr als doppelt so viel wie in München und mehr als dreimal die Bevölkerungsanzahl von Köln, zwar noch lange nicht London, aber trotzdem verdammt viel.
3,5 Millionen schlagenden Herzen, die Tag für Tag ihr Leben leben oder sich zumindest Mühe geben, eben dies zu tun, denn wo wird gelebt, wenn denn nicht in Berlin?
Wo wird gefeiert, gelacht, gesoffen und gekotzt, der Sonnenuntergang beobachtet und der Sonnenaufgang begrüßt? Wo werden Träume ausgesprochen und dann stetig vergessen, wenn denn nicht in dieser grauen, kaputten Stadt mit ihren versifften Straßen und gelben Bahnen, mit ihren Parkflächen und den Blümchen und den Hundehaufen und ihren Döner essenden Bewohnern. Freilich, überall vermutlich. Aber doch nirgends ganz so cool wie hier. 3,5 Millionen Einwohner, 3,5 Millionen Menschen, die an dir dir vorbeilaufen, dir vorbeifahren, an dir vorbei geschoben werden oder sich vielleicht eben jetzt im Mutterleib befinden, darauf wartend, das Licht der Welt erblicken zu dürfen, in diese laute und schmutzige und ach so schöne Stadt hinein geboren zu werden, um es eines Tages Kennedy gleich zu tun und mit stolz geschwellter Brust zu verkünden: ich bin ein Berliner.

Ich bin ein Berliner. Berlinerin, wenn man es genau nimmt und ja, ich bin stolz. Wenn man mich fragt, warum, dann kann ich das gar nicht so genau begründen. Berlin ist nicht sonderlich schön. Es ist nicht lieblich oder sauber. Abgefuckt, keine Frage, aber das sind andere Städte auch. Aber eines ist es: Berlin lebt. Die Stadt hat ihren eigenen Rhythmus und ich tanze zu ihrem Beat.
Ich schließe meine Augen und lasse mich zu dem Wummern der Straßenbahnen treiben. Zu den ewig gleichen und doch vertrauten Ray Charles Songs der U Bahnmusikanten nicke ich im Takt und manchmal hebe ich meine Arme und klatsche mit, einfach weil ich es kann und es nicht komisch ist, weil wenn es einen Ort gibt, wo nichts komisch ist, dann ist es dieser.
Vielleicht fühle ich mich hier deswegen so wohl. Umgeben von all diesen Spinnern, fallen ich und meine Macken nicht so auf.
Wenn ich meine Augen schließe, dann sehe ich all die Träume, die Berlin erfüllen. Die Träume der Berliner selbst und all derjenigen, die nach Berlin gekommen sind, um es zu schaffen und es wahrscheinlich nicht schaffen werden. Aber die Zeit, in der sie scheitern, wird eine schöne sein. Sie wird erfüllt von grau und kaputt und grünen Parkflächen mit Blümchen und Hundehaufen.

In dieser riesigen Stadt ist man nie allein und doch oft einsam.
Es gibt Momente, da sitze ich in der Badewanne und rauche, bzw. würde gerne rauchen, weil ich mir das Bild stilvoll und sehr retro vorstelle, aber weil ich der Nikotionsucht abgeschworen habe, lutsche ich stattdessen eine Pfefferminzpastille und weine stumme Tränen. Das Schöne an Tränen ist ihre durchsichtige Farbe und wenn ich untertauche, wer mag denn schon sagen, ob ich geweint hab oder nicht einfach nur nass bin?
Und dann irgendwann steig ich aus der Wanne und zieh mich an und gehe raus. Hinaus in diese Stadt mit ihren 3,5 Millionen schlagenden Herzen, zu denen auch das meine zählt und ich laufe über ihre Parkflächen und trete beim Versuch ein Blümchen zu pflücken in einen Hundehaufen.
Aber wer in Scheiße tritt, hat Glück und das kann man in Berlin gebrauchen. Deswegen lächle ich und bin dankbar hier zu sein. Und dann schließe ich meine Augen und setzte mich in die Straßenbahn und wippe meinen Fuß zum Takt ihres Rhythmus. Berlin lebt.
Und ich tue es auch.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.